Frühkindliche Bildung und Bildungspolitik
Eltern-Arbeitskreis im Elkiko Familienzentrum e.V. zum Thema

Zwei Initiativen der Landesregierung zur Stärkung der frühkindlichen und vorschulischen Bildung im Kindergarten waren Anstoß zur Frage:

Unter welchen Rahmenbedingungen sollen unsere Kinder aufwachsen?
Akzeptieren wir die möglichen und tatsächlichen Auswirkungen der Initiativen der Landesregierung "Orientierungsplan" und "Schulreifes Kind" oder versuchen wir sie zu ändern?

Unser Ziel ist es, Eltern in Tübingen zu informieren und zu sensibilisieren für die teils sehr kritikwürdigen Aktionen und Initiativen, die unter dem Vorwand "Kinderland Baden-Württemberg" in die Wege geleitet wurden und werden.
Wir haben uns zusammengesetzt, uns informiert und diskutiert und an zwei Infoabenden Eltern der Tübinger Kinderbetreuungseinrichtungen eingeladen.
Herausgekommen sind folgende Grundsatzpapiere und die Mitarbeit eines Mitglieds unserer Gruppe bei der Planungsgruppe zum Projekt "Schulreifes Kind" in Tübingen. Geplant ist eine Podiumsdiskussion im Herbst (Freitag 6.10.2006, 16 Uhr).

Für eine sinnvolle weitere Diskussion sind folgende Differenzierungen zentral:

    Fördern heißt für uns:
  • das Kind respektieren mit dem, was es will und braucht in Bezug zu seinem Recht auf ein gelingendes Leben
  • das Kind begleiten und unterstützen in seinem individuellem Tempo und zu Zeitpunkten, zu denen es für Neues offen ist
  • Voraussetzung auf seiten der Erwachsenen ist dafür die differenzierte
    Wahrnehmung des Kindes und das einfühlsame Abholen des Kindes an der
    Stelle, an der es mit seiner Entwicklung gerade steht
    Fördern heißt nicht:
  • Anpassen an institutionelle Anforderungen oder erwachsene Wunsch- /Normvorstellungen
  • Beheben von Defiziten
  • Überfordern durch einseitige Leistungsorientierung in bestimmten Bereichen
    Folgende Rahmenbedingungen sind unserer Meinung nach für Bildung zentral:
  • ein geschützter Rahmen (je kleiner das Kind, desto kleiner der Rahmen)
  • verlässliche und konstante Bezugspersonen
  • die grundsätzliche Einstellung, dass jedes Kind mit all seinen Schwächen und Stärken anerkannt wird
  • ein breites Bildungsverständnis
    Gestört werden Bildungsprozesse durch:
  • Frustrationen, wenn die äußeren Anforderungen nicht dem einzelnen Kind angepasst sind
  • Bewertung und Aussonderung einzelner Kinder
  • Beschämung und Verletzung des Selbstwertgefühls durch die Erfahrung, etwas im Gegensatz zu anderen nicht zu können

Orientierungsplan
für Bildung und Erziehung
für die Baden-Württembergischen Kindergärten - Pilotphase -

zeitlicher Rahmen:
seit 2006/2007 Pilotphase, verbindlich für die Arbeit in Kindergärten ab 2009/2010
Form:
kleines 128 seitiges zweiteiliges Buch, liegt allen anerkannten Kinderbetreuungs-einrichtungen vor und kann auf der Homepage des Kultusministeriums unter www.kindergarten-bw.de als PDF - Datei gelesen oder in Buchform bestellt werden
Inhalt:
Teil A: Grundlagen und Ziele der Bildungsarbeit
Teil B: Anregungen zur Umsetzung der Ziele bezüglich verschiedener Bildungs- und Entwicklungsfelder im Kindergarten
Positiv:
Prinzipien des ersten Teils: Mehrperspektivisches Bildungsverständnis (lebenslange und selbsttätige Prozesse der Weltaneignung), Wertschätzung des Spielens als Lernprozess, intensivierte Kooperation zwischen Fachkräften und Eltern und zwischen Schule und Kindergarten
im zweiten Teil: prinzipielle Verzahnung von einzelnen Bildungsbereichen in ganzheitliche Entwicklungsfelder, Idee der Weiterführung in der Grundschule
Unsere Kritik:
Auf den ersten Blick klingt der Orientierungsplan gut, aber bei genauerem Hinschauen bleibt es bei einer Aneinanderreihung allgemeiner und bekannter Aussagen ohne die Darstellung gangbarer Wege. Er hilft bei einer konkreten Qualitätsentwicklung, wenn sie denn gewollt wäre, nicht weiter, da dafür zuallererst die Rahmenbedingungen geändert werden müssten, wie Gruppengröße, Personal-schlüssel und die Verbesserung und Differenzierung der Ausbildungsgänge.
An bereits vorhandene auch wissenschaftlich begleitete Bildungspraxis in Kindergärten wird nicht angeknüpft. Der Orientierungsplan ignoriert völlig sinnvolle Arbeit, die bereits geleistet wird und nutzt nicht bereits vorhandene, verwertbare Erkenntnisse der Praxis. Er stützt sich allein auf die Erkenntnisse der Neurowissenschaften.
Die Zusammenarbeit von der am Erziehungs- und Bildungsprozess Beteiligten wird zwar an einigen wenigen Stellen gefordert, aber es wird deutlich, in welcher Hierarchie Kompetenzen wertgeschätzt bzw. missachtet werden: an erster Stelle stehen Wissenschaftler, danach Lehrer und erst dann Erzieherinnen und zuletzt, am Rande, die Eltern.
Hauptkritik ist die einseitige Anpassung an institutionelle Normvorstellungen und der dadurch reduzierte Blick auf die optimale Entwicklung spezifischer Begabungen im naturwissenschaftlichen und künstlerischem Bereich an Stelle einer Orientierung am Wohl des Kindes. Diese ist zwar in schönen Worten vorhanden, aber bei genauerem Hinsehen geht es um die optimale Förderung von spezifischen Begabungen für Schule und Beruf anstelle der Begleitung der individuellen Persönlichkeitsentwicklung.

Projekt "Schulreifes Kind"

Ziel: gezielte, frühe Förderung einzelner Kinder (ab 5 Jahren), um eine gelingende Schullaufbahn zu gewährleisten
zeitlicher Rahmen:
zweijährige Pilotphase, Beginn mit dem Schuljahr 2005/2006 in einzelnen Schulen und Kindergärten
    Form (s. auch www.km-bw.de):
  • vorgezogene Eingangsuntersuchung bei den Gesundheitsämtern:
    alle Vierjährigen werden dem Gesundheitsamt vorgestellt, Eltern und Erzieherinnen müssen detaillierte Fragebögen ausfüllen (detailliert bezüglich der Fülle der Fragen, nicht bezüglich der Antworten - dort nur ja/nein)
  • aufgrund der Diagnose (von verspäteter Einschulung bedroht ja/nein) erfolgt eine Förderung nach verschiedenen Modellen (Kindergarten und Schule müssen sich vorher für ein Modell entscheiden):
    • Modell A: 18 Stunden Förderung in Präventivklassen an der Schule durch Lehrer
    • Modell B: 4-8 Stunden Förderung in Präventivgruppen entweder in Schulen oder in jedem Kindergarten oder in einem zentralen Kindergarten durch Lehrerinnen in Kooperation mit Erzieherinnen
    • Modell C: intensivierte Kooperation zwischen Kindergärten und Schulen (dieses Modell ist nachrangig zu den anderen Modellen)
    • Modell D: 4-8 Stunden Förderung in Präventivgruppen in jedem Kindergarten durch Erzieherinnen

positiv:
Es ist erkannt worden, dass eine frühe Förderung wichtig ist und Förderbedarf nicht erst nach der Einschulung diagnostiziert wird. Darauf reagiert das Projekt.
unsere Kritik:
Vor allem in den ersten Lebensjahren verläuft die kindliche Entwicklung höchst unter-schiedlich. Die spezifische Förderung einzelner Fähigkeiten läuft ins Leere oder erzeugt schlimmerenfalls Blockaden, wenn ein Kind für das Erlernen der Fähigkeit noch nicht reif ist. Bei einem vierjährigen Kind eine Diagnose bezüglich der voraussichtlichen Schulreife zwei Jahre später zu stellen ist daher genauso fragwürdig wie der Versuch einzelne Fähigkeiten gezielt zu trainieren.
Die diagnostische Erfassung und Bewertung der Kinder durch Gesundheitsamt, Eltern und Erzieher bedeutet einen Eingriff in individuelle Entwicklungsverläufe und eine persönliche Kränkung, da Tests immer bis zur Grenze der Fähigkeiten der Kinder gehen und das Scheitern miteinschließen.
Wenn zur Förderung Kinder aus der Gruppe und dem Kindergarten herausge-nommen werden, widerspricht das Vorgehen allen Erkenntnissen über die Rahmenbedingungen, die notwendig sind, damit Kinder überhaupt Neues lernen und sich entwickeln können: ein geschützter Rahmen, verlässliche Bezugs-personen und die grundsätzliche Einstellung, dass jedes Kind mit all seinen Schwächen und Stärken anerkannt wird.
Die einseitige Konzentration auf Schulfähigkeit schränkt den Blick von Eltern und Er-zieherinnen ein. Sie pathologisiert vorher als normal wahrgenommene Kinder und reduziert bei förderungsbedürftigen Kindern Lebensprobleme auf Schulprobleme.
Es ist unbestritten, dass einige Kinder stärkere Unterstützung als andere brauchen und diese Unterstützung früh einsetzen muss, aber nicht in Form von Auslese und der Förderung einzelner schulrelevanter Fähigkeiten, sondern ganzheitlich, integrativ und orientiert am Wohl des Kindes in seiner ganzen Entwicklung.

Weitere Kritik zum Orientierungsplan und dem Projekt "Schulreifes Kind":
www.gew-bw.de

Verantwortlich für den Arbeitskreis:
Simone Bollacher
Christiane Zenner-Siegmann
Barbara Weiß
 

Aktuelles

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Es findet auch kein Babybrunch statt.

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Di:   9.30 - 11.30
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10.00 - 12.00 Babybrunch


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