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Elkiko
Familienzentrum Tübingen



   
Eltern-Arbeitskreis im Elkiko Familienzentrum e.V. zum Thema

Das Projekt "Schulreifes Kind"
Leistungsförderung im Kinderland Baden-Württemberg für 4-6Jährige
- Eine Stellungnahme von Eltern -

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Im Familienzentrum Elkiko Tübingen hat sich eine Elternarbeitsgruppe zum Thema Bildung und Förderung im frühkindlichen Bereich gebildet. Anlass dazu war die Veröffentlichung des Orientierungsplans und das zusätzlich angelaufene Projekt "schulreifes Kind".

Das Projekt "Schulreifes Kind" - innerhalb kürzester Zeit ausgeschrieben infolge politischen Drucks und ohne vorhergehende Diskussion weder in Fachkreisen noch mit Betroffenen - hat erhebliche Auswirkungen auf die Rahmenbedingungen, unter denen unsere Kinder aufwachsen.
Positiv hervorheben möchten wir an dem Projekt die zugrunde liegende Anerkennung politischer Entscheidungsträger, dass frühe Förderung sinnvoll und notwendig ist, aber wir bezweifeln stark, dass hiermit das richtige Förderinstrument eingesetzt wurde.
Wir bedauern, dass im ´Kinderland Baden-Württemberg´ nicht das Kindeswohl im Blickpunkt steht, sondern der Blick begrenzt wird auf "kindliche Leistungsfähigkeit" und eine "gelingende Schullaufbahn". Die in Anführungszeichen verwendeten Begriffe entstammen dem Text des Kultusministeriums zu diesem Projekt. Es erscheint höchst fragwürdig, mit dem Slogan "Kein Kind soll verloren gehen" den Begriff Fördern zu reduzieren auf ein Verwerten und Nutzbarmachen jeder angelegten Begabung.

Zu den einzelnen Bausteinen des Projekts:

1. Irritation durch diagnostische Verfahren statt Unterstützung individueller Entwicklungsverläufe
(zur vorgezogenen Schul-Eingangsuntersuchung bei den Gesundheitsämtern)
24 bis 15 Monate vor der Einschulung statt bisher nur wenige Wochen oder Monate vor der Einschulung müssen alle Kinder dem Gesundheitsamt vorgestellt werden, d.h. auch vierjährige!
Die staatlich angestrebte Verbesserung der "Diagnoseinstrumentarien" beinhaltet die schon vom Landeselternbeirat kritisierte Entwicklung eines "Elternfragebogens" mit datenschutzrechtlich bedenklichen Fragen zum Bildungshintergrund und zur Berufstätigkeit der Eltern. Auch von Seiten der Kindergärten soll eine ausführliche "Entwicklungsdokumentation" des Kindes im Gesundheitsamt aktenkundig werden. Erzieherinnen müssen detaillierte Fragebögen ausfüllen, detailliert allerdings nur bezüglich der Fülle der Fragen, nicht bezüglich der Antwortmöglichkeiten - nur ja/nein-Antworten sind vorgesehen ohne individuelle Differenzierung.
Ergänzt werden diese Unterlagen durch die neu konzipierte Einschulungsuntersuchung im Gesundheitsamt.
Aufgrund der vorliegenden Befunde wird bei den 4-5-jährigen eine Diagnose gestellt, ob Schulstart und Schullaufbahn gelingen werden, d.h. 4-5jährige Kinder werden aufgeteilt in förderungsbedürftige Kinder, "Risikokinder" und Kinder ohne zusätzlichen Förderbedarf.
Wer die Entscheidung bezüglich des Förderbedarfs aufgrund der Diagnose fällt (Kindergarten, Schule oder Gesundheitsamt oder alle gemeinsam) und inwieweit die Eltern miteinbezogen werden, ist zu Beginn des Projekts nicht geklärt, was dazu führte, dass ein Gesundheitsamt plante, ohne Rücksprache mit den Erzieherinnen die Beurteilung des Kindes in Briefform (!) an die Eltern zu verschicken.

Eigentlich müsste auch bei den Initiatoren des Projekts bekannt sein, dass vor allem in den ersten Lebensjahren die Entwicklung des kindlichen Könnens sehr unterschiedlich verläuft. Die spezifische Förderung einzelner Fähigkeiten (wie zum Beispiel die Förderung schulrelevanter Fertigkeiten) läuft leicht ins Leere oder erzeugt im ungünstigsten Falle sogar Blockaden, wenn ein Kind für das Erlernen der Fähigkeit noch nicht reif ist. Bei einem vierjährigen Kind eine Diagnose bezüglich der voraussichtlichen Schulreife zwei Jahre später zu stellen, ist daher genauso fragwürdig wie der Versuch, einzelne Fähigkeiten gezielt zu trainieren, ohne den Entwicklungsstand im Ganzen zu verstehen.
Generell befürchten wir, dass die diagnostische Erfassung und Bewertung der Kinder durch Gesundheitsamt, Eltern und Erzieher einen Eingriff in individuelle Entwicklungsverläufe bedeuten.
Zusätzlich schafft jede Testsituation für Vorschulkinder unnötige Kränkungen, da Leistungstests in der Regel bis zur Grenze der Fähigkeiten der Kinder gehen und das Scheitern mit einschließen - wer je bei einem Test mit einem Kind anwesend war, weiß dass kein Kind versteht, dass seine Leistung im Test sehr gut war, auch wenn es nicht alle Aufgaben lösen konnte.

2. Aussondern förderungsbedürftiger Kinder statt Integration: Fördermodell A
15 förderungsbedürftige Kindern werden in einer "Präventivklasse" der Grundschule zusammengefasst, die Förderung erfolgt 18 Stunden wöchentlich durch LehrerInnen, darüber hinausgehende Betreuung soll im Rahmen der Verlässlichen Grundschule gewährleistet werden (d.h. zusammen mit Schulkindern!)
Von den verschiedenen geplanten Modellen, halten wir vor allem das Modell A für sehr problematisch. Kinder, von denen man annimmt, dass sie mit sechs Jahren nicht schulfähig sind, sollen mit fünf Jahren in der Schule und durch Lehrer gefördert und zusammen mit älteren Schulkindern betreut werden. Hier kann Fördern nicht mehr sein als Einüben von sozial erwünschtem Verhalten, Dressur und Anpassung, ohne die je spezifischen Entwicklungsprobleme in den Blick zu nehmen.
Wenn zur Förderung Kinder aus der Gruppe und dem Kindergarten herausgenommen werden, widerspricht dieses Vorgehen allen Erkenntnissen über die Rahmenbedingungen, die notwendig sind, damit Kinder überhaupt Neues lernen und sich entwickeln können. Kinder brauchen für eine gesunde Entwicklung einen geschützten Rahmen, verlässliche Bezugspersonen und die grundsätzliche Haltung ihrer Umgebung, dass jedes Kind mit all seinen Schwächen und Stärken bedingungslos anerkannt wird. Diese notwendigen Rahmenbedingungen werden durch ein Verfahren des Aussonderns für alle brüchig.
Alle Kinder erfahren durch das Projekt im frühen Alter, dass Menschen, die anders sind, ausgesondert werden, und dass Anders -Sein Bewertungen zur Folge hat, eine Erfahrung mit weitreichenden Konsequenzen für die sich entwickelnde Selbst- und Fremdeinschätzung der Kinder.

3. Konzentration auf Schulfähigkeit statt allgemeiner Förderung
Die einseitige Konzentration auf Schulfähigkeit schränkt den Blick von Eltern, Erzieherinnen und Erziehern ein. Anstatt das Verstehen der Vielfalt der Lebensäußerungen der Kinder in den Mittelpunkt der Wahrnehmung zu stellen, pathologisiert sie vorher als normal wahrgenommene Kinder. Nicht die Ausdrucksfähigkeit und das individuelle Können wird betrachtet, sondern das Nicht-Können festgestellt. Beschämung und Verletzung des kindlichen Selbstwertgefühls sind die Folge.
Bei förderungsbedürftigen Kindern werden ohne den Blick auf das Ganze Lebensprobleme und erlebte Not auf Schulprobleme reduziert.
Es ist unbestritten, dass einige Kinder stärkere Unterstützung als andere brauchen und diese Unterstützung früh einsetzen muss, aber nicht in Form von Auslese und der Förderung einzelner schulrelevanter Fähigkeiten, sondern ganzheitlich, integrativ und orientiert am Wohl des Kindes in seiner ganzen Entwicklung. Wir kritisieren vehement, dass bei dieser geplanten Förderung - auch bei "erheblichen Entwicklungsverzögerungen, Störungen der Motorik, der Sprachentwicklung und in der Persönlichkeitsentwicklung" - einseitig die Vermeidung von schulischer Zurückstellung und Klassenwiederholung zum Förderziel bestimmt wird und nicht das Kindeswohl und seine Entwicklung im ganzen im Mittelpunkt steht.

4. Fördern als Anpassung an Institution Schule
Mit dem gesellschaftlich positiv besetzten Begriff "Fördern" werden in dem Projekt "Schulreifes Kind" Maßnahmen zusammengefasst und auch unkenntlich gemacht, die kritischer Betrachtung bedürfen.
Fördern wird in diesem Projekt reduziert auf Anpassen an institutionelle Anforderungen und erwachsene Wunsch- und Normvorstellungen, auf Beheben von Defiziten und auf eine einseitige Leistungsorientierung der menschlichen Entwicklung.
Dem möchten wir ein anderes Verständnis von früher Förderung gegenüber stellen.
Fördern heißt für uns, das Kind respektieren mit dem, was es will und braucht in Bezug zu seinem Recht auf ein gelingendes Leben, das Kind begleiten und unterstützen in seinem individuellen Entwicklungstempo und an den Zeitpunkten, an denen es für Neues offen ist. Voraussetzung auf Seiten der Erwachsenen ist dafür die differenzierte Wahrnehmung des Kindes und das einfühlsame Abholen des Kindes an der Stelle, an der es mit seiner Entwicklung gerade steht.

Das Projekt "schulreifes Kind" widerspricht mit seiner Art der sehr frühen Diagnose durch das Gesundheitsamt, durch die Auslese der Kinder und der Konzentration auf die Schulreife allen Grundsätzen, die wir für wichtig halten, um Kinder angemessen zu fördern. Wir halten das Projekt daher für sehr problematisch und hoffen, dass sich alle Verantwortlichen von diesem Projekt distanzieren. Ob dieses Projekt Bestand haben wird und welches der vier Fördermodelle nach Abschluss der Pilotphase durch die politischen Entscheidungsträger ausgewählt wird, wird entscheidend die vorschulische und schulische Entwicklung aller Kinder mitbestimmen.
Umso erschreckender finden wir die mangelnde Achtsamkeit, mit der das Projekt in die Tat umgesetzt wurde. Es gibt als Ansprechpartner keine ausgewiesene Stelle beim Ministerium, es gibt keine Institution, die sich bezüglich der Konzeption und Begleitforschung verantwortlich zeigen würde, und bezüglich der praktischen Durchführung waren in den Ausschreibungsunterlagen so viele Fragen offen, dass das Projekt unserer Meinung nach so gar nicht hätte starten dürfen. Die betroffenen Kinder und ihre Familien erscheinen dadurch eher als Versuchskaninchen für politischen Aktivismus denn als Adressaten für Unterstützung und Hilfe.

Die Zusammenarbeit zwischen Schule, Kindergarten und Familie lässt sich ohne Zweifel verbessern und Kinder sollten die Möglichkeit haben, schon früh gefördert zu werden. Wir hoffen sehr, dass neue Wege auch in Zusammenarbeit mit dem medizinischen Bereich gefunden und andere Projekte entwickelt werden, allerdings auf der Basis gleichberechtigter Zusammenarbeit.
An diesem Punkt sehen wir eine Parallele zum Orientierungsplan, da in beiden Projekten die Lösung von Problemen im pädagogischen und sozialen Bereich in der völligen Hinwendung zur scheinbar so sicheren Naturwissenschaft gesehen wird. Diese Sichtweise halten wir für äußerst fragwürdig. Unserer Meinung nach werden die Naturwissenschaften, insbesondere die so viel gepriesene Neurologie, die Pädagogik nicht neu erfinden - das ist auch gar nicht notwendig. Erkenntnisse einer anderen Disziplin miteinzubeziehen, hat in der Pädagogik eine alte Tradition. Die von der Politik verordnete völlige Vereinnahmung ist dagegen eine erschreckende neue Entwicklung, gegen die sich die Pädagogik wehren sollte. Unser Respekt als Fachleute und Eltern gilt vor allem den Einrichtungen und Fachkräften der Frühpädagogik, die seit Jahren Kinder sehr kompetent fördern und immer wieder neue und bessere Modelle entwickeln, ohne je dafür angemessen von Politik und Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Vielleicht sollten auch auf dieser Ebene Eltern und Fachkräfte mehr zusammenarbeiten!

Verantwortlich für den Arbeitskreis:
Simone Bollacher
Christiane Zenner-Siegmann
Barbara Weiß
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